Mittwoch, 25. Juni 2008

Von Fans und Faschisten

Bei ner Flasche Rotwein Kinder sitten. Halbfinale. Is ja nur ein Spiel. Zwischen scheinbar erwachsenen Männern.

Spiel is vorbei, tausend halblaute Flüche später, 3 Siegesposen später ist alles vorbei. Der Mob zieht durch die Straßen und skandiert laut "Deutschland", was für mich stets einen eigenartigen Beigeschmack hat, unsere schwere, düstere Geschichte warf stets einen tiefen Schatten auf aufkommende Deutschtümelei meinerseits. Trotz allem bin ich froh, dass Deutschland gewonnen hat, Geschichte hin, Heimat her. Sport kann durchaus mitreißend sein.

Wachablösung, die Mutter kommt, ich gehe, eine sicherlich anstrengende Fahrt mit S- und U-Bahn steht bevor. Ostbahnhof, der Mob steht auf der Straße, beflaggt in lächerlicher Kostümierung, aber hey, sollen sie ihren Spaß ruhig haben. Die sind harmlos. In der S-Bahn der erste Troß angetrunkener Jugendlicher. Mein Walkman verschafft mir Ruhe, mein Buch lenkt meine Blicke auf sich, es ist ironischerweise Orwells "1984".

Marienplatz. Hier wird es erst interessant. Die Massen vereinigen sich, der Pöbel skandiert immer lauter, aber es sind Freudenschreie, nicht auszudenken wenn hier der blanke Hass regierte. Trotz allem zeigt eine im Gleichschritt marschierende, singende Masse seine gespenstische Wirkung auf mich. Mir ist irgendwie nicht wohl, obschon ich ja nichts zu befürchten habe. Jetzt ab in die U-Bahn. Aber nur eine Station weiter ist schon wieder Stopp. Sendlinger Tor geht es raus.

Die Station ist gut gefüllt. An mir vorbei, ganz unscheinbar, marschiert ein junger Kerl, schwarzes Poloshirt, kurze Haare. Und wie durch Zufall blitzt durch seinen offenen Hemdskragen ein reichsadlerartiges Gebilde hervor. Als dann selbiger in Richtung homosexuellem Pärchen einen Kommentar loslässt verdichtet sich mein Verdacht und ich folge ihm. 10 Meter weiter bleibt er stehen, ich komme dicht vor ihm zum Stehen und schaue ihn an. Er fühlt sich gleich provoziert und kommuniziert wortlos erst, schaut mich fragend-herausfordernd an. Ich zeige auf seine Tättowierung auf der Brust und mache fragende Gesten. Er entblöst seine Brust und zeigt mir den Reichsadler, mit Eichenlaubkranz, und der 88 (stellvertretend für "Heil Hitler") mittendrin.

"Drecksau!" schiesst es mir durch den Kopf. Er wirkt nervös, ich gebe ihm mit Daumen nach unten zu verstehen, dass ich alles andere als einverstanden damit bin. Er nimmt seinen Stöpsel aus dem Ohr und fragt was sei. Ich sage: "Heil Hitler, oder?" Und er:"Ja. Was dagegen?" Und ich sage: "Sehr wohl, mein Freund." Und er wieder: "Was hast Du dagegen?" Und ich bin überrascht, die Dummheit und Unverfrorenheit dieser Leute vergessend: "Hast Du denn gar nicht gelernt?". Er zuckt mit den Schultern und geht in Richtung meiner einfahrenden U-Bahn. Da geht mein Feindbild, mein immerwährendes Hassobjekt, das Sinnbild für einen faulenden, gefährlichen Nationalismus, der Judas, mein Sündenbock.

In der U-Bahn angetrunkene Jugendliche, Deutschland skandierend, die Luft ist faulig-alkoholisiert, der Schweissgeruch unerträglich animalisch. Der Walkman leistet wieder hervorragende Dienste, obschon mein Hassobjekt direkt vor mir sitzt. Die Jugendlichen werden angeführt durch ein Großmaul in Hendrix-Shirt, flankiert durch zwei schwitzige Fettbacken, einer zahnlos, der andere unfassbar feist-teigig. Das Großmaul "animiert" die U-Bahngäste an seiner Freude teilzuhaben, und ruft provozierende Kommentare in die Bahn, den Mittelweg stets auf- und ab marschierend. Der Neonazi schaut interessiert zu. Bis ich den Walkman ausmache und höre was klein Großmaul da von sich gibt. Primitive Reime, die die deutschen Verunglimpfen sollen als Langweiler, Lahmärsche, Spaßbremsen. Harmlos. Nur der Neonazi findet das nicht witzig und steht auf.

Er geht auf die Gruppe zu, schäbiger Rucksack auf dem Rücken, schäbige Kommandostiefel, alkoholisierter Blick. Arier waren stets diametral anders dargestellt als dieses Häufchen Hass. Er stellt die Gruppe zur Rede, was das solle, ob sie denn Deutschland nicht liebten und diese erwidern lautstark, dass sie sehr wohl Deutschland liebten, aber in keinster Weise im faschistischen Sinne. Was sein Problem sei, fragen sie, und der Neonazi fängt an zu "argumentieren". Meine Station naht, und ich fühle, dass ich etwas loswerden muss. Und ich gehe auf ihn zu und flüstere in sein Ohr: "Das nächste Mal nimmst Du einen anderen Wagen." Und er verdutzt:"Ist das eine Drohung?" Und ich immer noch leise raunend: "Eine Tatsache. Das nächste Mal wenn wir uns wieder sehen hast Du nicht mehr soviel Glück."

Hier angekommen frage ich mich natürlich wer sich eigentlich als Faschist geoutet hat, aber letzendlich, mir meiner Primitivität bewußt, werde ich immer so reagieren müssen. Mit Gegenwehr, mit blanker Ablehnung gegenüber einer düsteren, immer bedrohlicher werdenden Bewegung, die sich geschwulstartig seinen Weg durch unser Land bahnt. Durch Ignorieren wurden die Nationalsozialisten groß und durch stille Akzeptanz werden sie es wieder werden.

3:2 für Deutschland.

1 Kommentar:

Chriz! hat gesagt…

:)
wo bist denn hin, daß du dich zu der zeit auf die strassen wagst?